Wer ist schuld?

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Etwas ist mit uns nicht in Ordnung, und zwar schon seit sehr langer Zeit.

Angst, Depression und Stimmungsschwankungen verzerren die Erfahrung des menschlichen Lebens überall. Sofern Du ein Mensch bist, besteht die Chance, dass Du an einer oder mehreren der  hunderten psychologischen Störungen leidest, die in der sachkundigen Literatur definiert sind.

Auch stehen die Chancen sehr gut, dass du irgendwann einmal versucht hast oder daran gedacht hast Selbstmord als Lösung deines Leids in Betracht zu ziehen. Oder vielleicht kennst Du jemanden der dies getan hat. Schockierenderweise, ist Selbstmord bei Menschen zwischen 11 und 44 Jahren weltweit eine der drei häufigsten Todesursachen überhaupt. Selbstmordversuche sind ganze 20 mal häufiger als tatsächlich durchgeführte Selbstmorde.

Wenn Du genau und objektiv das Verhalten der Menschen betrachtest, wird es Dir schwerfallen daraus nicht zu schließen, dass die Menschheit – also wir – größtenteils verrückt ist.

Vernünftige Menschen vergewaltigen, ermorden und quälen einander nicht. Vernünftige Menschen verwüsten nicht ihren Lebensraum, suchen nicht nach Besitz, ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl zu nehmen oder versuchen nicht andere Menschen zu beherrschen oder zu verteufeln.

Vernünftige Menschen sind mitfühlend und unvoreingenommen. Sie würdigen praktische Intelligenz. Vernünftige Menschen wissen, dass wir alle zusammen in diesem Leben sind, zum Schlechten oder zum Guten.

Und trotz alldem was wir gesehen und getan haben; nach all dem Abschlachten und Ausbeuten und Plündern, dass wir uns selbst und anderen zugefügt haben; nach alldem was wir über das Wesen der Dinge gelernt haben, nach all den religiösen, philosophischen, spirituellen, sozialen und wirtschaftlichen Werken, die wir vollbracht haben, um zu verstehen warum all dies passiert und um uns zu einem, unserer wahren Natur entsprechenden Niveau zu verhelfen, morden, quälen, vergewaltigen, beherrschen, verteufeln, schlachten, plündern und beuten wir uns gegenseitig weiter aus.

Wie kann es sein, dass nach alldem was wir gesehen und getan haben, wir immer noch wild entschlossen sind, unseren eigenen Lebensraum zu zerstören und uns starrköpfig dagegen sträuben etwas dagegen zu tun? Anstatt dessen, streiten wir uns, während die Erde in Flammen aufgeht.

Eine berechtigte Frage ist also: Wer ist schuld an dem ganzen Wahnsinn? Wer ist schuld an all dem Horror?

Nun, niemand. Niemand ist schuld daran.

All die sinnlosen und aggressiven Gewohnheiten in unserem Verhalten und unseren Beziehungen, all das Leid und die Enttäuschung in uns und unserem Leben entspringen einer einfachen Ursache: Die Angst vor dem Leben selbst ist, was uns in den Wahnsinn treibt.

Die Angst vor dem Leben ist die Ursache von alldem. Sie kommt bei der Geburt oder nahe der Geburt zufälligerweise über fast alle von uns, wenn der Schock und die Gewalt unserer Ankunft den Kontext setzt und genau den Boden verschmutzt, in welchem unsere gesamte Psychologie – unser Verständnis, unsere Grundannahmen, unsere Neigungen und Abneigungen, ja unseren Identitätssinn selbst – nach und nach Form annimmt.

Die Angst vor dem Leben ist eine psychologische Autoimmunkrankheit. Sie versucht uns von der Gefahr des Lebendigseins zu schützen,  indem das Leben auf Armeslänge gehalten wird, um nicht hineinzufallen und zu vergehen. Sie verzerrt die Linse der persönlichen Psychologie, durch die wir die Bedeutung, Echtheit und die wahrscheinliche Auswirkung von alldem was uns, in uns und um uns herum geschieht, wahrnehmen. Sie erschafft und erhält den Irrglaube, dass das Leben nicht sicher sei, dass dem Leben nicht vertraut werden kann. Sie zerstört unser Leben.

Die Krankheit der Angst vor dem Leben ist die Ursache von alldem und der weltweite Wahnsinn ist das Angesicht dessen Symptome: Gier, Mord, Qual, Vergewaltigung, Beherrschen, Verteufeln, Abschlachten, Ausbeuten und Plündern.

Die gängigste und effektivste Taktik, die diese Krankheit im Eifer des Versuchs anwendet, uns vor  dem Leben selbst zu behüten, uns vor dem einfachen Lebendig -und Gewahrsein zu schützen, ist Verleugnung. Es ist ein Festhalten an der Vorstellung "nun, es ist alles ziemlich schlecht heutzutage, aber es war schon immer so gewesen. Es wird mir schon gut gehen. Es geht mir nicht besonders schlecht. So miserabel geht es mir nun auch nicht. Es wird schon alles gut gehen. Es gibt doch viele Leute da draußen, die Gutes tun. Es wird schon werden."

Ich sage euch, von Herzen, es besteht eine steigende Dringlichkeit bezüglich unserer jetzigen Situation.  Der Kriegsgestank verbreitet sich nun sehr schnell, im Irak, Syrien, Israel, dem Fernen Osten, der Ukraine, um nur ein paar wenige zu nennen. Kürzlich haben die sich bekämpfenden Gruppen eine mit unschuldigen Menschen besetzte Passagiermaschine heruntergeschossen und somit alle an Bord abgeschlachtet. Es wimmelt an Kriegen und Kriegsgeschrei.

Heute Morgen las ich einen Artikel im Harper´s Magazine über den Ersten Weltkrieg, dessen hundertsten Jahrestag wir letzten Monat beobachten konnten. In diesem Artikel wurde erklärt, was zu dieser Zeit in der Welt geschah und beschrieb das Lebensgefühl der Leute damals. Es existierte ein alldurchdringender Zustand der Hilflosigkeit, der Verleugnung, der Verzweiflung, der Langeweile und des Unwohlseins – ein Mangel an Interesse am Leben. Man hatte das Gefühl, dass es nichts gab, was man tun könne, um die Dinge zu verändern – zu verbessern.

Aber als das Attentat des Erzherzogs von Österreich den Krieg auslöste, entstand daraus eine Explosion der Begeisterung in der Welt. Dieses Ereignis bot die Gelegenheit, aus dieser allgemeinen Misere und Hoffnungslosigkeit und Langeweile, in ein frisches und wundervolles Lebensabenteuer voranschreiten, etwas wodurch die Menschen das Gefühl des Lebendigseins zurückerobern könnten, begeistert und bezaubert von den Möglichkeiten die dem einfachen Lebendigsein innewohnen.

All dies war natürlich lediglich eine Gelegenheit sich der äußeren Misere zuzuwenden, welche innerlich in der gesamten Bevölkerung der Menschheit vor sich hin faulte.

Und auch hielt diese Begeisterung natürlich nicht sehr lange. Kurz darauf war Europa in Blut getränkt und der Schrecken und der Gestank des Krieges erfüllte die Erde.

Es besteht eine steigende Dringlichkeit bezüglich der heutigen Situation. Dasselbe Gefühl wie vor hundert Jahren, zeigt sein widerwärtiges Angesicht erneut.

Die Möglichkeit sich gegen einen äußeren Feind zu wenden, anstatt an dem inneren Leid herumzukauen, Verwirrung und Komplikation macht sich wieder einmal breit.

Aber niemand ist schuld daran. Weder Du noch Ich bin schuld. Die Russen sind nicht schuld, die Serben, die feurigen Religionskrieger, die Israelis, die Palästinenser, die Warlords in Afrika, die Drogenbarone in Südamerika, die impotenten Demokratien sind nicht schuld.

Niemand ist schuld. Jeder einzelne Mensch, der sich auf eine selbstzerstörerische, verrückte und hasserfüllte Weise verhält, tut dies aus einem erkrankten Geist heraus, welcher durch das Gefühl beschädigt wurde, irgendetwas sei falsch hier, dass das Leben nicht lebenswert sei, und  aus dem verzweifelten Verlangen etwas dagegen zu tun. Jede einzelne Person, die ein selbstzerstörerisches Verhalten aufweist und ihr Leid auf andere überträgt, tut dies aufgrund der Angst. Man kann sie nicht beschuldigen, genau sowenig wie man einen tollwütigen Hund beschuldigen kann, wenn er Leute anfällt.

Hier sind wir also wieder einmal, gefangen im sich immer wiederholenden Muster und fügen uns selbst und anderen immer größere Gräueltaten zu. Dieses süße Verlocken des Externalisierens des inneren Leids ist wieder zurück, mit größerer Kraft und Zerstörungsgewalt als je zuvor. Nur diesmal sind wir am Rande der Zerstörung unseres eigenen Lebensraumes, den wir mit all den anderen Geschöpfen teilen, getrieben vom Wahn, das Leben selbst als Feind zu betrachten.

Es gibt jedoch eine Lösung für dieses Leid und den Wahnsinn. Wenn Du den Versuch unternimmst, die direkte Erfahrung davon zu machen, wie es sich anfühlt, Du zu sein, das Gefühl auf das du dich beziehst, wenn Du "mich" sagst, so wird die Krankheit zerstört werden und du wirst eine Reise antreten, die dich von Angst und Verwirrung zu Selbstständigkeit und Liebe zum Leben führen wird.

Es ist nicht notwendig ein neues Verständnis oder einen neuen Glaube anzunehmen, um dies zu tun, genau sowenig ist es notwenig ein existierendes Verständnis oder einen Glaube, den Du hast, abzulegen. Du musst nicht einmal daran glauben das es funktioniert.

Carla und ich erhalten täglich bestätigende Berichte von Menschen aus der ganzen Welt.

Diese Berichte folgen stets dem gleichen Muster. Nachdem man versucht hat, den Geschmack vom "mich" zu bekommen, kommt oft eine Phase der Lieblichkeit und des Wohlbefindens, welche dann von einem Ansturm von Verzweiflung und Unruhe gefolgt wird und missverstanden werden kann. Manche verlieren gar für einige Zeit das Vertrauen in den Akt des Schauens. Diese Phase der Verzweiflung wird durch das Wiederaufbauen des Verstandes verursacht, welcher sich erneuert; und gesunde psychologische Mechanismen nehmen den Platz der alten, kranken ein.

Wir betrachten dies inzwischen als eine Phase der Genesung und sie dauert nicht für immer an. Nach einiger Zeit vergeht sie und die Dämmerung von Klarheit und Vernunft tritt ein. Eine neue Beziehung zum Leben selbst beginnt sich zu formen, welche nicht von Konflikt und Entfremdung gezeichnet ist. Ein Verständnis der wahren Natur der menschlichen Existenz beginnt sich zu offenbaren. Wir werden wirklich Mensch, frei von Angst.

Wir beschuldigen niemand. Wir haben keine Feinde. Die Krankheit ist schuld und sie kann geheilt werden, ohne das jemand beschuldigt oder bestraft werden muss, ohne das von irgendjemandem gefordert werden muss, die Art und Weise wie er denkt oder sein Leben lebt zu ändern.

Ein bedarf nur eines Blickes. Die Zeit drängt.

Ins Deutsche übertragen von Wolfgang Onyeali.